Therapie von ADHS im Erwachsenenalter: Routine oder Herausforderung? Teil 5
Eine Serie von Prof. Dr. Markus Weih
In den folgenden Wochen wird Prof. Dr. Markus Weih, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, in unserer neuen Serie der Frage nachgehen, ob die Therapie von ADHS im Erwachsenenalter mittlerweile eine Routineaufgabe ist oder eine Herausforderung darstellt. Im fünften Teil der Serie geht es um den Wirkstoff Lisdexamfetamin.
Die Behandlung von ADHS mit Lisdexamfetamin
Der Wirkstoff Lisdexamfetamin ist das rechtsdrehende Stereoisomer von Amphetamin, an das ein Lysinrest gekoppelt ist (Prodrug). Es hat einen ähnlichen Wirkmechanismus wie Methylphenidat. Evtl. gibt es darüber hinaus auch noch Effekte auf das intrazelluläre Dopamin sowie den Glutamat- und Opioidstoffwechsel. Die T-Max ist nach 3–4 Stunden erreicht, die Halbwertszeit beträgt 8–11 Stunden. Der Abbau erfolgt durch CYP2D6 in aktive Metaboliten. Die Ausscheidung ist renal. In den USA ist die Substanz auch für die Binge-Eating-Störung zugelassen. Das Suchtpotenzial wird durch den Prodrug-Status (Lysin wird bereits in Erythrozyten abgespalten, dadurch entsteht der eigentliche Wirkstoff Dexamfetamin) als noch niedriger als bei Methylphenidat eingeschätzt (Benkert Hippius, 2026).
2013 erfolgte nach der Zulassung, wie für alle neuen Arzneimittel, eine frühe Nutzenbewertung (Indikation: ADHS-Behandlung bei Kindern). Dabei konnte kein Zusatznutzen festgestellt werden, da der Hersteller in den zu kurzen Zulassungsstudien keine nichtmedikamentöse Vorbehandlung im Rahmen einer Gesamtstrategie nachweisen konnte. In der Folge war der Wirkstoff dann auch eher als Zweitlinientherapie eingestuft.
2019 erfolgte in Deutschland die Zulassung auch für die Behandlung im Erwachsenenalter. Jedoch sah auch hier der Gemeinsame Bundesausschuss im Rahmen der frühen Nutzenbewertung keinen Zusatznutzen. Das Medikament hat sich aber trotzdem in der Praxis aufgrund seines guten Wirksamkeits- und Sicherheitsprofils weitgehend durchgesetzt. Von vielen Patientinnen und Patienten wird Lisdexamfetamin bevorzugt und gewünscht. Es zeigt sich jedoch, dass es Patientinnen und Patienten gibt, die darauf nicht ansprechen und wieder auf Methylphenidat umgestellt werden müssen. Seit 2024 besteht ein einheitliches Label für die Kinder- und Erwachsenenbehandlung. Neben Lisdexamfetamin ist in Deutschland noch Dexamfetamin (Fertigarzneimittel: Attentin) für die Behandlung von Kindern mit ADHS zugelassen.
Weitere Substanzen: Neben den Stimulanzien gibt es noch die Gruppe der Nicht-Stimulanzien. Für Erwachsene hat nur der Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Atomoxetin ein Label. Die Wirkstoffe Guanfacin und Clonidin sind ebenfalls wirksam, in Deutschland aber wenig verbreitet und im Erwachsenenalter ohnehin off-label.
Im sechsten Teil geht es um Komorbiditäten, Missbrauch von Stimulanzien, Abhängigkeit und Langzeitfolgen.

Prof. Dr. Markus Weih ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist im Medic-Center Nürnberg – Schöll + Kollegen (MVZ) tätig und für Berufsverband und in Forschung und Lehre aktiv.