Therapie von ADHS im Erwachsenenalter: Routine oder Herausforderung? Teil 4

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Eine Serie von Prof. Dr. Markus Weih

In den folgenden Wochen wird Prof. Dr. Markus Weih, Facharzt für Neuro­logie, Psy­chia­trie und Psycho­therapie, in unserer neuen Serie der Frage nach­gehen, ob die Therapie von ADHS im Erwachsenen­alter mittler­weile eine Routine­aufgabe ist oder eine Heraus­forderung darstellt. Im vierten Teil der Serie geht es um den Wirkstoff Methylphenidat. 

Die Behandlung von ADHS mit Methylphenidat

Der Wirkstoff Methyl­phenidat wurde aus Phenyl­ethylamin als peripher und zentral wirk­sames Sympa­tho­mime­tikum 1944 von Leandro Panizzon für Ciba-Geigy, heute Novartis, als Sympa­tho­mime­tikum synthe­tisiert. Der Legende nach hatte es bei ihm im Selbst­versuch – damals üblich – keinen Effekt, aber bei seiner Frau Rita, woher der Name Ritalin stammen soll.

Ritalin ist seit 1955 in den USA und auch in Deutsch­land auf dem Markt. Es wurde viele Jahre auf „normalen“ Rezepten ver­ord­net, u. a. bei gestei­gerter Ermüd­bar­keit, depressiven Ver­stimmungen und Antriebs­armut.

Chemisch ist Methyl­phenidat ein Dopamin- und Noradre­nalin-Wieder­auf­nahme­hemmer. Er erhöht den extra­zellu­lären Spiegel der Neuro­trans­mitter, zusätz­lich hat es Effekte auf den vesikulären Mono­amin­trans­porter (VMAT-2) und evtl. auch den Serotonin­spiegel. Die Substanz zeigt einen Wirk­eintritt nach 15–30 Minuten und erreicht ihr Maximum nach 2–4 Stunden.

Es wird nicht über das CYP-, sondern über das Carboxyl­esterase-System (CES) meta­bo­li­siert. Die wichtigsten Neben­wirkungen sind Schwindel, Schlaf­störung, Appetit­störung, Blut­druck­anstieg, gastro­intes­tinale Probleme und selten Psychosen. In der Praxis spielen vor allem Schlaf­störungen und gastro­intestinale Störungen eine Rolle. Schwere Neben­wirkungen sind sehr selten. In der europä­ischen Neben­wir­kungs­daten­bank finden sich aktuell keine Einträge (ADR Reports, 2026). Die wichtigsten Kontra­indi­ka­tionen sind manifeste Herz-Kreislauf-Erkran­kungen, Hyper­thyreose, Glaukom, Anorexie und Sucht­erkran­kungen. Bis heute ist Methyl­phenidat auch für die Narko­lepsie zuge­lassen, gilt aber gemäß Leit­linien als Medi­kament der zweiten Wahl.

Als das Konzept des ADHS Anfang des 21. Jahr­hunderts an Bedeu­tung gewann, übernahm das deutsche mittel­ständische Familien­unter­nehmen MEDICE-Pütter den Vertrieb von Methylphenidat (Fertig­arznei­mittel Medikinet) in der Indika­tion ADHS bei Kindern. 2011 erfolgte die Zulassung für das Erwachsenen­alter. Seither ist die Substanz als Retard­präparat unter den Handels­namen Medikinet adult und Medikinet retard für diese Patienten­gruppe zugelassen. Als Retar­dierungs­techniken kommen u. a. das OROS- (osmotic-controlled release delivery system) und das SODAS-System (spheroidal oral drug absorption system) zum Einsatz. Die ver­zögerte Wirk­stoff­freigabe erfolgt dabei aus Mikro­pellets mithilfe von Diffusions­prozessen, die von einer Membran aus lös­lichen und unlöslichen Polymeren kon­trolliert werden, oder durch Osmose. 50 % der Dosis in Medikinet retard ist dabei nicht retar­diert, die andere Hälfte ist retar­diert. In Deutsch­land gibt es noch weitere Methyl­phenidat-Retard­präparate, wie zum Beispiel Concerta oder Equasym.

Im fünften Teil geht es um die Behandlung von ADHS mit Lisdexamfetamin.

Prof. Dr. Markus Weih ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist im Medic-Center Nürnberg – Schöll + Kollegen (MVZ) tätig und für Berufsverband und in Forschung und Lehre aktiv.