
Interview mit Frau Dr. med. Susanne Fischer (ÄGGF)

1. Ist eine „Hormonskepsis“ auch im ärztlichen Beratungsgespräch sichtbar? Und wenn ja, gibt es Punkte, die besonders oft im Zusammenhang mit dieser genannt werden?
In meinen Veranstaltungen im Rahmen meiner Tätigkeit für die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) und auch in der täglichen Sprechstunde in meiner Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe werde ich sehr häufig mit dem Thema Hormonskepsis konfrontiert. Ich möchte es auch als „Hormonmüdigkeit“ bezeichnen, z. B. als Folge einer Über- oder Desinformation über mannigfaltige Informationswege. Häufig genannte Punkte sind hierbei die Gewichtsveränderungen, der Libido-Mangel, die Stimmungsschwankungen und das Gefühl der Fremdbestimmung.
2. Wie halten Sie Ihr Wissen auf dem neusten Stand und an welchen Quellen orientieren Sie sich für Ihr Beratungsgespräch?
Bei allen Empfehlungen liegen meine Quellen in der aktuellen Fachliteratur und Leitlinien (national und international), in regelmäßigen Fortbildungen (z. B. Kongressen) sowie im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen (z. B. im Qualitätszirkel).
Aufgrund neuer Empfehlungen erfolgt kontinuierlich eine Anpassung meiner eigenen Beratung an neue evidenzbasierte Erkenntnisse.
3. Mittlerweile gibt es Hinweise durch Studien, dass natürliche Östrogene geringere Risiken für u. a. venöse Thromboembolien aufweisen. Wie sehen Sie die Rolle natürlicher Östrogene in zukünftigen Verschreibungen oraler Kontrazeptiva? Gibt es bestimmte Fälle, in denen Patientinnen Präparate mit natürlichen Östrogenen empfohlen bzw. verschrieben werden?
Mit natürlichen Östrogenen meinen Sie vermutlich Estradiolvalerat und/oder Estetrol als Kontrazeptivum. Beide Substanzen zeigen in Bezug auf das Thromboembolierisiko in aktuellen Studien vielversprechende Ergebnisse. Allerdings muss ich bei der Verschreibung die aktuellen Leitlinien berücksichtigen, in denen diese Stoffe noch nicht komplett eingeflossen sind. Zusätzlich unterliege ich als niedergelassene Gynäkologin mit Versorgungsauftrag dem Wirtschaftlichkeitsgebot, aber das ist eine andere Diskussion.
Bezüglich der Hauptfrage Ihres Interviews, der Hormonskepsis, habe ich Bedenken, ob die neuen Substanzen eine höhere Akzeptanz gewinnen, da es mitunter um eine komplette Hormonablehnung geht.
4. Kommt es vor, dass Patientinnen sich schon im Vorhinein informiert haben und eine Präferenz für bestimmte Präparate zeigen? Und woher beziehen diese Patientinnen ihre Informationen in der Regel (z. B. Internetrecherche, Social Media, persönliche Quellen)?
Die Patientinnen haben einen sehr heterogenen Informationsstand. Als positiv sehe ich, dass sie an mich als Fachärztin (als Expertin für dieses Thema) mit Ihren Fragen herantreten.
Im Alltag haben die Patientinnen mannigfaltige Informationswege und ich weise stets konkret darauf hin, dass man sich die Quelle der Information genau ansehen muss und darauf achten soll, ob die Aussagen wissenschaftlich belegt sind. Die vielen Informationen aus Social Media und auch dem Internet im Allgemeinen führen häufig eher zu Verwirrung. Eine Über- oder Desinformation ist die Folge. Diese wird durch Influencer mit Aussagen wie „viele Ärzte wissen das gar nicht“ getriggert.
So wird bei der Beratung oft gefragt: „Was wählen die meisten Frauen?“ oder „Ich möchte das Gleiche wie meine Freundin, sie hat damit gute Erfahrungen gemacht“ – ganz unabhängig von den wissenschaftlichen Grundlagen.
5. Wie gehen Sie in der Beratung mit Hormonskepsis um?
In der Regel stelle ich die unterschiedlichen kontrazeptiven Möglichkeiten mit ihren Anwendungsbereichen und den Vor- und Nachteilen vor. Ich spreche Hormone und auch die Skepsis direkt an und lasse mir auch die zusätzlichen Präferenzen der Patientin (regelmäßiger Zyklus, Kosten, Behandlung von Schmerzen) erläutern. So kommt die Patientin meist im gemeinsamen Gespräch auf das momentan am besten passende Kontrazeptivum. Dabei ist mir wichtig, dass ich die Patientin in den Entscheidungsprozess aktiv einbeziehe.