Diagnostik und Therapie der Struma in der hausärztlichen Praxis: Hier kann man das Primärarztsystem schon mal üben

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Die Struma ist eine Vergrößerung der Schild­drüse, die entweder diffus oder nodös auftritt und mit einer normalen, über­mäßigen oder vermin­derten Hormon­produktion einher­gehen kann. Die haus­ärzt­liche Diagnostik stellt ein wichtiges Element für die spätere Behand­lung dar und kann im vorlie­genden Fall als Muster­beispiel für die Umgestaltung der haus­ärzt­lichen Tätig­keit nach Einführung eines Primär­arzt­systems angesehen werden.

Hausarzt-Diagnostik

Eine sorgfältige Anamnese­erhebung ist bereits richtungs­weisend. Welche Symptome gibt die Patientin bzw. der Patient an: Druck- oder Engegefühl im Hals, Schluck­beschwerden, Heiser­keit, Atemnot oder eine sicht­bare Schwellung? Unruhe, Zittern, Schwitzen, Herz­rasen, Gewichts­verlust und Schlaf­störungen können auf eine hyper­thyreote Stoff­wechsel­lage hinweisen, Müdig­keit, Antriebs­losigkeit, Gewichts­zunahme, Verstopfung, Kälte­intoleranz oder depressive Verstimmung sprechen hingegen eher für eine Hypothyreose.

Als Basislabor ist insbesondere die TSH-Bestimmung wichtig (Thyreoidea-stimu­lierendes Hormon). Weitere Parameter wie fT3 und fT4 sind ggf. zur weiteren Abklä­rung bei auf­fälligem TSH erfor­derlich. Sind diese Werte nicht im Norm­bereich, sollten Anti­körper wie TPO-AK (Thyreoperoxidase-Antikörper) und Tg-AK (Thyreoglobulin-Antikörper) bestimmt werden, wenn der Verdacht auf eine Auto­immun­thyreoiditis (Hashimoto) besteht, TRAK (TSH-Rezeptor-Antikörper) bei Verdacht auf einen Morbus Basedow (Auto­immun­erkran­kung mit Hyperthyreose).

Die primäre Hypothyreose ist gekenn­zeichnet durch eine Erhöhung des TSH-Werts in Kombi­na­tion mit einer Erniedri­gung von fT4 und/oder freiem Tri­jod­thyronin (fT3). Die Ursache für eine sekun­däre Hypo­thyreose liegt im hypo­thalamo-hypo­physären Bereich und geht mit einem erniedrigten oder einem inadäquat niedrig normalen TSH-Wert bei redu­zier­ten Werten für fT3 und/oder fT4 einher. Die häufigste Ursache für eine Hypo­thyreose ist eine Auto­immun­thyreoiditis. Etwa 1–2 % der Bevöl­kerung sind hiervon betroffen.

Neben der Labor­diagnostik ist die Schild­drüsen­sono­graphie der Gold­standard zur morpho­lo­gischen Beur­tei­lung des Volumens (normal: Frauen < 18 ml, Männer < 25 ml), der Echo­struktur (homogen/heterogen) bzw. zur Detektion und Charakteri­sierung von Knoten im Hinblick auf Größe, Begren­zung, Echo­genität (echoarm/echoreich) oder Mikro­kalzi­fi­ka­tionen (Hinweis auf Malignität).

Facharzt-Diagnostik

Eine sorgfältige haus­ärzt­liche Diagnostik ermöglich ggf. die gezielte weitere fach­ärzt­liche Abklärung. Eine Szinti­graphie kann ergänzend veranlasst werden, um die Funktion von sono­gra­phisch vorhandenen Knoten zu beur­teilen. Sogenannte heiße Knoten (autonom) speichern vermehrt Tracer­substanz und produ­zieren unkontrolliert Schild­drüsen­hormone, kalte Knoten speichern keinen Tracer. Zur weiteren zyto­logischen Abklärung ist hier eine Fein­nadel­punktion, bei Verdacht auf eine retrosternale Struma ein Röntgen-Thorax/CT erforderlich.

Hausarzt-Therapie

Die Substitution von Schild­drüsen­hormonen (Levothyroxin, L-Thyroxin) stellt die konser­vative Therapie der Struma dar. Durch die Gabe wird die TSH-Ausschüttung der Hirn­anhangs­drüse supprimiert und so das weitere Wachstum der Schilddrüse oder eine leichte Verkleinerung erreicht. Indiziert ist das vor allem bei kleineren Strumen mit normaler Funktion (euthyreote Struma diffusa), weniger effektiv hingegen bei knotigen Umbaustrumen.

Die Behandlungsmethode ist allerdings umstritten, da die Leit­linie der Europä­ischen Schild­drüsen­gesellschaft keine Indi­ka­tion für eine Behand­lung der Struma nodosa mit Schild­drüsen­hormon vorsieht, in der (deutschen) LISA-Studie sich aber eine Reduktion der Knotengröße unter einer L-Thyroxin-Therapie über einen Zeitraum von 1 Jahr dokumentieren ließ.

Thyreostatika (z. B. Thiamazol, Carbimazol) sind aus­schließ­lich bei Hyper­thyreose (z. B. bei Morbus Basedow oder funktio­neller Autonomie) erforder­lich, um die Hormon­produktion zu blockieren. Bei nach­gewiesenem Jod­mangel und kleiner Struma, insbe­sondere bei Kindern und Jugend­lichen, kommt auch eine Jod­substi­tu­tion infrage.

Facharzt-Therapie

Eine Radiojodtherapie (RJT) ist bei heißen Knoten mit Hyper­thyreose, einer Rezidiv-Struma nach Operation oder bei Patien­tinnen und Patienten indiziert, bei denen ein Operations­risiko besteht. Die Patientin bzw. der Patient erhält radio­aktiv markiertes Jod (Jod-131), das nahezu aus­schließ­lich von Schild­drüsen­zellen aufgenommen wird. Die Strahlung zerstört lokal überaktives oder über­schüssiges Gewebe. Die Methode ist nicht für sehr große Strumen oder bei Verdacht auf Malignität geeignet.

Eine operative Therapie (Struma­resektion) kommt bei einer großen Struma mit lokalen Beschwerden (Dysphagie, Atemnot), einer retroster­nalen Struma, bei Verdacht auf Malignität, einem raschen Wachstum eines Knotens oder bei einem heißen Knoten, der nicht mittels Radio­jod­therapie behandelt werden kann, in Betracht.

Der Fall

Die 45-jährige Patientin stellt sich erstmals in der Praxis vor, weil eine sicht­bare Schwellung im Hals­bereich aufgefallen ist, die sich beim Schlucken mitbewegt. Anamnestisch finden sich keine weiteren Auf­fällig­keiten. Palpa­torisch imponiert die Schild­drüse als weiche glatte Ober­fläche. Vergrößerte Lymph­knoten sind nicht tastbar.

Die Patientin erhält einen Termin für eine Sono­graphie der Schild­drüse und eine Labor­unter­suchung zur TSH-, fT3- und fT4-Bestimmung. Da die Patientin auf Nach­frage angibt, dass Vorsorge­unter­suchungen schon länger als 3 Jahre zurück­liegen, wird die Unter­suchung mit einem Check-up, einem Haut­krebs- und einem Hepatitis­screening verbunden. Die Urin­unter­suchung für den Check-up wird sofort in der Praxis durchgeführt, alle übrigen Labor­parameter werden in der Labor­gemein­schaft in Auftrag gegeben.

Leistungsabrechnung beim Erstkontakt

EBM

Leistungsbeschreibung

Euro

03003

Versichertenpauschale 45. Lebensjahr

14,52

03020

Hygienezuschlag zu der Versichertenpauschale

Von der KV zugesetzt

0,25

03040

Vorhaltepauschale (inklusive 10 Impfungen im Quartal)

16,31

03230

Problemorientiertes ärztliches Gespräch, das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist

16,31

32880

Harnstreifentest gemäß Anlage 1 der Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie auf Eiweiß, Glukose, Erythrozyten, Leukozyten und Nitrit

0,50

Leistungsabrechnung beim Zweitkontakt

33012

Sonographische Untersuchung der Schilddrüse mittels B-Mode-Verfahren

9,81

01732

Gesundheitsuntersuchung bei Erwachsenen ab dem vollendeten 18. Lebensjahr gemäß Teil B I. der Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie

41,53

01746

Zuschlag zur Gebührenordnungsposition 01732 für die Früherkennungsuntersuchung auf Hautkrebs gemäß Abschnitt D. II. der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie

26,63

01734

Zuschlag zur Gebührenordnungsposition 01732 für das Screening auf Hepatitis-B- und/oder auf Hepatitis-C-Virusinfektion gemäß Teil B. III. der Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie

5,22

03230

Problemorientiertes ärztliches Gespräch, das aufgrund von Art und Schwere der Erkrankung erforderlich ist

16,31

Anmerkungen:

  • Die Chronikerpauschale nach der GOP 03220 könnte gekennzeichnet mit einem Suffix zusätzlich berechnet werden, wenn sich die Patientin zuvor bereits regelmäßig in hausärztlicher Behandlung befand.
  • Mit Ausnahme der Sonographie-Leistung werden alle gezeigten Gebührenordnungspositionen (GOP) entbudgetiert bzw. extrabudgetär in Euro vergütet.
 

Bei der sonographischen Darstellung der Schild­drüse finden sich keine Knoten. Da der TSH-Spiegel mit 19 mU/L im hypo­thyreoten Bereich liegt, die nach­träglich bestimmten Werte für fT3 und fT4 sowie TRAK, TPO-AK und Tg-AK aber im Norm­bereich, kann von einer sub­klini­schen Hypo­thyreose ausgegangen werden. Die Patientin wird deshalb auf zunächst 50 µg L-Thyroxin eingestellt und eine Labor­kontrolle in 4–6 Wochen wird vereinbart.

Die Therapieindikation sollte je nach TSH-Wert regelmäßig etwa alle 6–12 Monate überprüft werden, da in einigen Fällen ein Absetzen von L-Thyroxin möglich ist. Es empfiehlt sich dann eine Halbie­rung der Dosis mit TSH-Kontrolle nach 2–3 Monaten. Bei normalem TSH-Wert kann das Präparat abgesetzt oder die Dosis erneut halbiert werden.

Falls Knoten vorhanden wären, müsste zur Behand­lungs­planung zunächst ein Szinti­gramm in Auftrag gegeben werden. In diesem Fall käme die Abrech­nung der GOP 03008 (Zuschlag zu der Versicher­ten­pau­schale nach der GOP 03000 für die Ver­mitt­lung eines aus medi­zi­ni­schen Gründen dringend erfor­der­lichen Behand­lungs­termins gemäß § 73 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB V, 16,69 Euro) hinzu.

Ergibt sich aus einer weiter­führenden Diagnostik die Frage einer OP-Indi­ka­tion, könnte zur OP-Vor­berei­tung die GOP 01670 (Zuschlag im Zusammen­hang mit den Versi­cherten-, Grund- oder Konsiliar­pau­schalen für die Ein­holung eines Tele­konsiliums, 14,01 Euro) bis zu zweimal im Behand­lungs­fall für das Gespräch mit der Opera­teurin bzw. dem Opera­teur berech­net werden bzw. die prä­opera­tive Diagnostik nach der GOP 31012 (Operations­vorbe­rei­tung bei ambu­lanten und beleg­ärzt­lichen Ein­griffen bei Patien­tinnen und Patienten nach Vollendung des 40. Lebens­jahres bis zur Voll­endung des 60. Lebens­jahres, 49,56 Euro).

Dr. med. Gerd W. Zimmermann ist Facharzt für Allgemeinmedizin und seit vielen Jahren als Referent sowie Autor zum Thema Leistungsabrechnung nach EBM und GOÄ tätig.